Spielen ist ein Grundbedürfnis von Kindern – und eine zentrale Bildungsressource. Die systemische Familientherapeutin und Kinderschutzfachkraft Romina Kaczmarczyk erklärt, warum das Spiel einen so hohen Stellenwert hat und wie auch mit einfachen Mitteln viel bewirkt wird.
Frau Kaczmarczyk, warum ist das Spielen im Offenen Ganztag so wichtig?
Der Offene Ganztag ist für viele Kinder Lebensalltag. Sie sind fünf Tage die Woche dort. Deshalb hat er eine riesige Bedeutung, nicht nur für die Kinder, sondern auch für ihre Familien. Es wichtig, dass wir diesen Raum nutzen, um das spielerische Lernen aktiv zu fördern, jenseits von Arbeitsblättern und Übungen.
Kinder lernen am liebsten, wenn sie Spaß haben, deshalb funktioniert das beim Spielen wie von selbst. Kinder verarbeiten dabei Erlebnisse, bauen Selbstvertrauen auf und erleben Selbstwirksamkeit. Sie entwickeln sich emotional, kognitiv, motorisch und sozial weiter. Wenn sie mit anderen spielen, geht es um soziale Fähigkeiten: Frust aushalten, mal gewinnen, mal verlieren, Regeln einhalten – das sind wichtige Lernerfahrungen.
Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Im Freispiel entscheiden die Kinder selbst, was sie machen wollen – das ist nicht nur gut für die Selbstständigkeit. Im angeleiteten Spiel kann ich gezielt fördern, zum Beispiel bei Kindern, die im Sozialkontakt unsicher sind. Wir erklären vorher die Spielregeln, wir machen etwas zusammen – das stärkt die Gruppe und die sozialen Kompetenzen.
Wie kann man Spielen in den OGS-Alltag integrieren – trotz voller Tage?
Da geht mehr, als man denkt. Es braucht nicht viel. Kleine Spiele kann man super als Ritual einbauen: zum Beispiel vor der Lernzeit ein kurzes Spiel im Kreis – wir geben ein stilles Signal per Hand weiter. Das braucht nicht viel Zeit, bringt aber Ruhe. Oder beim Warten auf das Mittagessen: Die Kinder raten, was es heute gibt – zum Beispiel „Was wächst auf einem Baum und steht gleich auf dem Tisch?“ Das macht Spaß und fördert ganz nebenbei auch ökologisches Verständnis.
Auch draußen geht viel: „Wer hat Lust auf ein Sprachspiel mit dem Ball?“ – das kann man spontan machen. Oder im Herbst: Die Kinder sammeln Kastanien, machen einen Haufen, und versuchen, ihn umzuwerfen – da ist Natur und Motorik dabei. Und es braucht kaum Vorbereitung.
Haben Sie Spielideen, die Sie besonders gern nutzen?
Oft ist das Einfache das Beste. Murmeln zum Beispiel. Auch Ballspiele gehen immer. Wenn ich eine neue Gruppe habe, machen wir ein Kennenlernspiel im Kreis mit einem Ball: Ich nenne meinen Namen, werfe den Ball weiter – das nächste Kind wiederholt meinen Namen und sagt seinen. Oder wir sagen: „Mein Lieblingsessen ist…“ und der Satz wird reihum wiederholt und ergänzt. So fördern wir Sprache, Beziehung und Spaß in einem.
Mir ist wichtig, dass alle, die mit Kindern arbeiten, ein Bewusstsein dafür haben: Was bedeutet Spielen eigentlich? Was kann ich mit Spielen bewirken? Das Wissen über kindliche Entwicklung muss mit der Haltung verbunden sein. Kinder lernen mit und durch Spaß. Gerade bei Kindern, die vielleicht ein schüchternes oder auffälliges Verhalten zeigen, ist Spielen eine tolle Möglichkeit, Vertrauen aufzubauen. Da geht’s um Beziehungsarbeit – und die ist im OGS-Bereich zentral.

Über Romina Kaczmarczyk
Romina Kaczmarczyk ist Rehabilitationspädagogin, systemische Familientherapeutin und insoweit erfahrene Kinderschutzfachkraft. Bei der Paritätischen Akademie NRW gibt sie Seminare, in denen sie das Thema Kinderschutz sowie weitere pädagogische Grundlagen und Haltungen in den Fokus nimmt. Foto: privat