Jede Kindertagesstätte hat den gesetzlichen und konzeptionellen Auftrag, sich für inklusive Arbeit zu öffnen und Inklusion umzusetzen. Mechthild Thamm, Fachreferentin Tagesangebote für Kinder beim Paritätischen NRW, erklärt, wie die Teilhabe aller Kinder in Kitas gelingen kann.
Bildungsgerechtigkeit zu fördern, Chancengleichheit zu ermöglichen sowie die Kinder- und Menschenrechte zu wahren: Darum geht es beim Thema Inklusion. “Jedes Kind und jeder Mensch hat ein Recht auf Selbstbestimmung und Beteiligung”, sagt Mechthild Thamm, Fachreferentin Tagesangebote für Kinder. Deshalb solle auch und gerade in Kitas Inklusion umgesetzt werden, um Kindern möglichst frühzeitig Chancen zu eröffnen.

Der Begriff Inklusion umfasst ein breites Feld. Oftmals wird mit dem Thema lediglich verbunden, dass Kindern mit Behinderung die Bildung und Förderung in der Kindertagesbetreuung ermöglicht wird. Um besondere Merkmale geht es aber nicht, sondern darum, gesellschaftliche Vielfalt einzubinden: Ob mit oder ohne Behinderung, Migrationsgeschichte oder bezogen aufs Geschlecht – es ist wichtig, sich bewusst zu machen, Merkmale nicht als Ausschlusskriterium zu bewerten, sondern alle Menschen so anzuerkennen, wie sie sind, und ihre Bedürfnislagen zu berücksichtigen. “Es geht eben um alle Kinder”, sagt Mechthild Thamm. Natürlich haben zum Beispiel Kinder mit Behinderungen oder mit Fluchterfahrungen eigene und spezielle Bedürfnisse. Diese müssen berücksichtigt werden, um Teilhabe zu ermöglichen.
Haltung zur Inklusion entwickeln
Die Inklusionsarbeit findet längst nicht mehr nur an heilpädagogischen Kindertagesstätten statt. Jede Kita hat den Auftrag, sich für die inklusive Arbeit zu öffnen – mit dem neuen Bundesteilhabegesetz (BTHG) wird das gesetzlich vorgeschrieben. “Zur Vielfalt gehört, jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist. Allein das Wissen darum macht aber noch keine inklusive Haltung. Es geht vielmehr darum, anzuerkennen, dass es diese Vielfalt gibt, und dass Menschen so sein dürfen, wie sie sind”, sagt Mechthild Thamm.
Eine offene Einstellung zum Thema und die richtigen Werkzeuge helfen, Inklusion umzusetzen. An der eigenen Kita die Haltung zu etablieren: “Wir sind offen für Vielfalt und eignen uns Fachwissen zu den Bedürfnissen der Kinder an” ist ein erster Schritt. Gleichzeitig müssen die Fragen beantwortet werden, welche Einstellung Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Thema haben – und ob sie sich wirklich konsequent in Richtung gelebte Inklusion entwickeln wollen. Die gemeinsame Reflexion ist ein wichtiger Punkt, um die Motivation aufrecht zu erhalten – von einer kompetenten Leitung moderierte Teambesprechungen sind hier gefragt. Es kommt viel auf die richtige Ansprache und Fragestellung an, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu begleiten. “Man begibt sich auf einen gemeinsamen Lernweg. Inklusion bedeutet auch, offen für neue Wege zu sein und Neues zu erproben”, sagt Mechthild Thamm.
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ZUR PERSON
Mechthild Thamm ist Fachreferentin Tagesangebote für Kinder beim Paritätischen NRW. Bei der Paritätischen Akademie NRW gibt sie Seminare, unter anderem zu den Themen “Expertin/Experte für Inklusion” oder zum paritätischen Qualitätssystem für Kindertageseinrichtungen PQ-Sys® KiQ.
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Damit keine Überforderung eintritt, macht es Sinn, sich auf ein Netzwerk mit anderen Expertinnen und Experten zu stützen, die als gleichberechtigte Partnerinnen und Partner ins Boot geholt werden und unterstützen können. Unterstützung bieten zum Beispiel Inklusionsassistentinnen und -assistenten. Sie können bei einem anerkannten Bedarf die Bildung und Förderung der Kinder im Kita-Alltag unterstützen. Das Kind und sein Bedürfnis stehen dabei als Grundhaltung der Teilhabeplanung im Mittelpunkt, und weniger die Frage, ob die Fachkräfte in der Kita weitere Unterstützung brauchen. Wenngleich klar ist, dass auch eine umfassendere gesetzlich geregelte Personalquote die Umsetzung um ein Vielfaches erleichtern würde.
Netzwerk- und Kooperationsarbeit hilft, über den Tellerrand zu schauen und zu erkennen, wo sich ein Team selbst helfen und in welchen Bereichen man sich noch schlau machen kann. Es handelt sich dabei um dynamisches Wissen. Erfahrungsschablonen, die unreflektiert auf ähnliche Fälle gelegt werden, sind nicht hilfreich. “Jedes Kind muss mit seinen Bedürfnissen individuell angesehen werden. Der Erfahrungskoffer erweitert sich regelmäßig. Zu dieser Entwicklung gehört auch, sich eine gewisse Fehlertoleranz zu erlauben”, sagt Mechthild Thamm.
Teilhabeplanung auf Augenhöhe
Mit dem neuen Bundesteilhabegesetz wird die Förder- und Behandlungsplanung “umgeschrieben” zur sogenannten Teilhabeplanung. Betroffen sind weiterhin Kinder, die Leistungen aus dem Bereich der Eingliederungshilfe beziehen. Die Eingliederungshilfe wird sich allerdings nicht mehr rein auf medizinische Merkmale beschränken. Die deutsche Sprache nicht zu sprechen, kann ebenfalls Teilhabe verhindern. Auch dann kann man entsprechende Leistungen abrufen.
Zukünftig wird durch das BTHG ressourcenorientiert gearbeitet: Was kann das Kind? Was möchte das Kind? Partizipation wird stark in den Fokus genommen. Der Teilhabeplan soll gemeinsam mit den Eltern sowie allen Expertinnen und Experten, die mit dem Kind arbeiten, auf Augenhöhe entwickelt werden. Es wird also ein abgestimmtes Verfahren für jedes Kind geben. Das erfordert ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit von allen Beteiligten und verlangt, transparente Arbeit zuzulassen.
Vom Arbeitsaufwand her soll sich wenig ändern, sagt Mechthild Thamm, die Herangehensweise sei bei der neuen Teilhabeplanung nur eine andere, speziell bezogen auf die Partizipation. Um diese Wege zu beschreiten, braucht es natürlich in der Umsetzung zeitliche Ressourcen: “Es ist eine große Herausforderung, der sich Kitas und Fachkräfte stellen müssen – einerseits das Fachwissen zu haben, was gut für die Kinder ist, sie aber andererseits zu befragen, ob sie gewisse Vorgänge auch so sehen und mitmachen wollen”.
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